Neurotransmitter als Roboter unseres Verhaltens

Unser Gehirn produziert permanent sogenannte Neurotransmitter. Das sind biologische Nervenbotenstoffe, die dafür verantwortlich sind, ob wir wach und aufmerksam sind, entspannt oder müde. So gehört z.B. Dopamin, Noradrenalin oder Adrenalin zu den erregenden Botenstoffen. Acetylcholin dagegen vermittelt Aufmerksamkeit und Gelassenheit. Der Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) wiederum zählt zu den hemmenden Nervenbotenstoffen.

Nervenbotenstoffe werden also, je nach Anlass und Situation, von unseren Körper produziert und über die Nervenzellen an die Umgebung ausgeschüttet. Sie können auch ineinander umgewandelt werden. Dabei können sie dann völlig unterschiedliche Wirkung ausüben. Je nach Zielorgan, das sie stimulieren, können sie denkbar unterschiedliche Reize auslösen: von Aktivität bis Aggressionen, von Beruhigung bis zum tiefem Schlaf. Auch Plusfrequenz, Blutdruck, Drüsentätigkeit, Verdauung oder Sexualität werden direkt oder indirekt von unseren Neurotransmittern beeinflusst.

Wir selbst bestimmen, welche Nervenbotenstoffe wir ausbilden können

Betrachten wir nur die körpereigene Ausbildung dieser Nervenbotenstoffe und deren Umwandlung ineinander mit der ernährungsmedizinischen Brille. Mit dieser Brille erkennen wir, dass unser Gehirn für die „Neurotransmitter-Synthese“ bestimmte biologische Baustoffe und spezielle Werkzeuge benötigt. Ohne diese ist es nicht in der Lage, Neurotransmitter in ausreichenden Mengen auszubilden oder ineinander umzuwandeln. Verständlich, dass es somit an uns als Erziehungsverantwortliche liegt, auf die regelmäßige und ausreichende Versorgung unserer Kinder mit diesen Baustoffen und Werkzeugen zu achten.

Die Bausätze unserer Nerven-Roboter stecken in unserer täglichen Ernährung

Die biologischen Baustoffe für unsere Neurotransmitter sind Aminosäuren, die wir über unsere Ernährung zuführen. So versorgen wir unseren Körper durch den Konsum von Eiweiß (z. B. Milch, Milchprodukte, Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte) mit den nötigen Baustoffen (Aminosäuren). Aufgrund des hohen Eiweißkonsums in Europa können wir davon ausgehen, dass der Bedarf an Aminosäuren ausreichend gedeckt ist. Dies gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Problematischer allerdings steht es mit dem Nachschub an jenen Spezialwerkzeugen, die wir zum Aufbau der körpereigenen Neurotransmitter benötigen. Diese Bio-Werkzeuge kennen wir als Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Für die Ausbildung der Neurotransmitter sind es vor allem die sogenannten B-Vitamine, die von elementarer Bedeutung sind. So kann unser Körper ohne Vitamin B6 (Pyridoxin), ohne Vitamin B7 (Biotin) oder ohne Vitamin B9 (Folsäure) keine konzentrationsfördernden Neurotransmitter wie Dopamin, Noradrenalin oder Adrenalin ausbilden oder sie ineinander umwandeln. Ohne Vitamin B6 (Pyridoxin) wiederum ist eine Serotonin-Synthese nicht möglich. Serotonin zählt zu den stimmungsaufhellenden Nervenbotenstoffen. Für die Bildung des Entspannungs-Botenstoffen Acetylcholin wiederum benötigt unser Körper Vitamin B5 (Pantothensäure).

Milch und Milchprodukte versorgen unseren Körper mit wichtigen Baustoffen!

Kinder essen und trinken nicht, was ihnen gut tut, sondern was ihnen schmeckt.

Nun werden sich viele fragen: Aber unsere Nahrung enthält doch genug an diesen Vitaminen? Das stimmt zwar, aber zugleich müssen wir wissen, dass natürlich B-Vitamine gerade in jenen Lebensmitteln vorkommen, die Kinder in der Regel nicht gerne und nicht häufig konsumieren. Dazu gehört Vollkorngetreide, Getreidekeime, Innereien, Soja und manche Kohlsorten. Kinder konsumieren erfahrungsgemäß lieber und häufiger Nahrungsmittel aus Industriestärke und Zucker. Das sind z. B. Pizza, Spaghetti, Gebäck, Kekse, Limonade, Eistee und andere Süßigkeiten. Nun müssen wir wissen, dass die genannte Nahrungsmittel zwei Handicaps mitliefern: Zum einen liefern sie kaum oder gar kein Vitamine. Zum anderen benötigt unser Körper aber sehr wohl die Vitamine, um diese konsumierten Kalorien zu verstoffwechseln. Nun bleibt unserem Körper in letzter Konsequenz nichts anderes übrig, als im Bedarfsfall auf die körpereigenen Vitaminreserven zurück zu greifen – sofern diese überhaupt noch vorhanden sind. Daher sind Pizza, Spaghetti, Eistee und Co wahre Vitaminräuber. Nun geht es hier nicht darum, das Fun-Food und die Lieblings-Getränke unserer Kids generell zu verteufeln. Wir müssen aber wissen, dass diese Nahrungsmittel als Vitaminquellen völlig ungeeignet sind. Im Gegenteil, bei Dauerkonsum plündern sie die meist ohnehin spärlichen Vitaminreserven bis zur Neige. Um diese Situation auch einen zeitlichen Horizont zu geben: Die Speicherkapazitäten für B-Vitamine sind ohnehin denkbar gering. Die biologischen Vitamin-B-Rucksäcke unserer Kinder reichen nur für wenige Wochen (Vitamin B1) bis zu drei Monaten (alle restlichen sechs B-Vitamine, ausgenommen Vitamin B12).

Vitamindefizite: Kleine Ursache, enorme Auswirkung

Der deutsche Ernährungsphysiologe Prof. Dr. med. H. J. Holtmeier machte bereits in den 1990er Jahren eine interessante Entdeckung: Verringern sich unsere Mikronährstoffspeicher nur um das Viertel, hat dies bereits fatale Auswirkungen auf die Aktivität der entsprechenden Zellenzyme. Die reduzieren ihre Arbeitsleistung nämlich nicht ebenso um ein Viertel, sondern gleich um die Hälfte.

Dies bedeutet, dass bereits geringe Vitamindefizite große Auswirkungen auf die Arbeitsleistung unseres Körpers haben. Anders gesagt: Bereits geringe, oft noch gar nicht messbare, Vitamindefizite können die zelluläre Aktivität in unseren Zellen auf die Hälfte reduzieren. Für die Hirn-und Denkleistung unserer Kinder bedeutet dies eine verminderte Lern- und Konzentrationsfähigkeit, Müdigkeit, Ängstlichkeit und das generelle Unvermögen, auf Anforderung belastungskonform zu reagieren. Die Ernährungsmedizin bezeichnet solche Vorstufen des Vitaminmangels als „relative Mängel“ oder als „latente Vitamindefizite“. Latent bedeutet „versteckt“, also, dass diese Defizite – im Gegensatz zu absoluten Mängel  – nicht sofort und klar erkennbar sind. Bei aufmerksamer, sensibler Beobachtung allerdings können wir die entsprechenden Mangelerscheinungen sehr wohl bereits in diesem Stadium des relativen Defizits erkennen.

Auch wenn die Vitamindefizite nicht erkennbar sind – die Folgen sind es

Latente Defizite an Pantothensäure (Vitamin B5) zum Beispiel führen zu eingeschränkter Stressresistenz. Wenn Ihr Kind also ungeduldig und aufbrausend auf gestellte Anforderungen reagiert, kann dies bereits auf einen Pantothensäure-Mangel hinweisen. Vitamine B6-Mängel wiederum können sich durch Unruhe und erhöhte Reizbarkeit äußern, also wenn Ihr Kind z.B. durch gesteigerte motorische Unruhe (Hyperaktivität) auffällt. Biotin-Defizite können zu psychischen Störungen und Ängstlichkeit führen, eine Folsäure-Unterversorgung dagegen zu Antriebslosigkeit.

Die gute Nachricht: Vitamindefizite sind rasch behebbar

Beobachten wir das heutige Ernährungs- und Trinkverhalten unserer Kinder, so werden wir häufig feststellen, dass die tägliche Vitaminzufuhr eher mangelhaft ist. Ja mehr noch, diese Defizite werden durch Pizza, Semmeln, Spaghetti und Süßigkeiten sogar noch schlimmer. Im Umkehrschluss aber bedeuten diese Fakten, dass eine Änderung des Ernährungs- und Trinkverhaltens sowie eine vorübergehende, zusätzliche Zufuhr ausgewählter Vitamin-Komplexe ein enormes Potential darstellen, der Lernschwäche und Hyperaktivität von Kindern und Jugendlichen gezielt zu begegnen. Und noch eine positive Nachricht: So rasch, wie die Vitamine B-Speicher unseres Körpers entleert werden können, ebenso rasch können die Defizite auch wieder ausgeglichen werden. Gezielte, bedarfsgerechte Zufuhr von B-Vitaminen äußert sich in der Regel im Verhalten der Kinder bereits nach wenigen Wochen.

Der Feingold-Test als Schnelltest

Auch der Kohlenhydrat-und Zuckerstoffwechsel hat im Zusammenhang mit Lernstörungen und AD(H)S große Bedeutung. Der amerikanische Kinderarzt und Allergologe Dr. Ben. F. Feingold machte in den 1960er Jahren eine interessante Beobachtung: Er bemerkte, dass synthetische Lebensmittelfarbstoffe, Aromastoffe, Konservierungs-und Süßungsmittel häufiger Auslösen für hyperaktives Verhalten und Allergien bei Kindern sein können.

In Folge seiner Veröffentlichungen entdeckten andere Ärzte, dass auch Zucker Hyperaktivitätsschübe auslösen kann. So verabreichen manche Kinderärzte heute noch ihren kleinen PatientInnen ein Glas mit konzentriertem Zuckersaft, um damit spontane Verhaltensauffälligkeiten zu provozieren  Sprechen die Kinder auf diesen Test an, so hat man damit eine wichtigen möglichen Auslöser für Hyperaktivität identifiziert, nämlich eine Zucker-Verwertungsstörung. Ursache für diese Zuckerverwertungsstörung ist dann meist eine Unterversorgung mit den erwähnten B-Vitaminen (und einigen Spurenelementen, auf die wir später eingehen werden).

Zucker ist häufig der Auslöser für hyperaktives Verhalten und Allergien bei Kindern!

 

Weißmehl ist Zucker, der nicht süß schmeckt

In diesem Zusammenhang müssen wir wissen, das Weißmehl zwar nicht süß schmeckt, nach den Verdauungsvorgängen im Dünndarm aber als Zucker ins Blut gelangt. Unser Körper unterscheidet also nicht, ob wir ihn mit Zucker, Limos, Eistee, Süßigkeiten, Mehlspeisen, oder mit Weißmehl, Pizzaböden, Spaghetti und Pommes füttern. Er wandelt nämlich all diese  Nahrungsmittel im Zuge der Verdauung in ein und denselben Stoff um, nämlich in Zucker. Neben den bereits erwähnten B-Vitaminen benötigt unser Körper zu Verstoffwechselung dieser Zucker und Kohlenhydrate auch die Spurenelemente Mangan, Chrom und Zink. Für diese Spurenelemente gilt, was bereits bei den B-Vitamine erwähnt wurde: Bereits latente (also noch nicht messbare und sofort erkennbare) Defizite können dramatische Stoffwechseleinschränkungen auslösen: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Tagträumen, aber auch Aggressivität und Verhaltensauffälligkeiten.

Weißmehl schmeckt zwar nicht süß, wird aber in unserem Körper in Zucker umgewandelt!

Unser Nervensystem besteht zu 60% aus Fett

Ein letzter, wichtiger Ernährungsfaktor für unser Nervensystem sind hochungesättigte Fettsäuren und Lecithine. Während die erwähnten Vitamine und Spurenelemente vorwiegend für die Soffwechselaktivität unseres Nervensystems verantwortlich sind, sorgen die ungesättigten Fettsäuren und Lecithine als biologische Baustoffe für die Ausstattung der Nervensubstanz unserer Kinder.

Anders gesagt: Eine ausreichende Fettsäure- und Lecithin-Versorgung stabilisiert die Substanz unseres Nervensystems. Ein Mangel an diesen Nährstoffen dagegen macht die Nervensubstanz unserer Kinder spröde, “dünnhäutig“ und damit weniger belastbar. Ungesättigte Fettsäuren und Lecithin sind das Baumaterial unserer Nerven. Der Ausdruck “Nerven wie Drahtseile“ mag in dieser Hinsicht passend sein für die Nerven, die genügend hochwertiges Baummaterial aufweisen. Dass sensible, lern- und konzentrationsschwache Kinder häufiger auch an Allergien, Asthma oder Neurodermitis leiden, ist aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht verwunderlich. Die Immunzellen, das Lungengewebe und die Haut benötigen für ihren Aufbau nämlich das ein und selbe Baumaterial, nämlich die genannte hochungesättigten Fettsäuren und Lecithine.

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